So hab´ ich mir das nicht vorgestellt!
Wenn ich das nächste Mal ein Hotel buche, werde ich genauer hinschauen.
Lage, Ausstattung und Design habe ich beachtet. Aber leider habe ich nicht daran gedacht, zu prüfen, ob sich die Fenster meines Hotelzimmers öffnen lassen.
Auf die Idee bin ich gar nicht gekommen, als ich meine Reise nach Rotterdam organisiert habe.
Ich war also entsprechend überrascht, als ich in mein Hotelzimmer komme, zum Fenster gehe, und eine riesige, dicht in der Leibung sitzende Glasscheibe vorfinde.
Das Fenster ließ sich nicht öffnen. NICHT EINEN SPALT.
Aus Denkmalschutzgründen wurden die alten einfachverglasten, industriellen Eisen-Fenster belassen und die thermische Hülle in Form einer Fixverglasung an der Innenseite umgesetzt.
Das Hotelzimmer war dementsprechend vollklimatisiert. Kein Luftzug, kein lauer Wind, kein Geruch der Bäume vor dem Fenster konnten zu mir ins Innere durchdringen.
Vom Leben abgeschnitten.
Ich war von allen natürlichen Vorgängen in meinem Umfeld abgeschnitten – mit Ausnahme der Sichtbeziehung. Und selbst die war eingeschränkt, denn aus dem Fenster lehnen und die Straße entlang schauen, war leider nicht drin.
Ich fühlte mich wie in einem Bunker. Luftdicht verschlossen. Ich konnte nicht die Fenster öffnen, um die Stimmung auf der Straße mit all meinen Sinnen wahrzunehmen. Egal ob Gewitter oder lauer Sommerabend – alles hat sich gleich angefühlt. Nur die Optik war eine andere.
Ich hätte auch nicht einfach runterrufen und mit jemandem auf der Straße spontan Kontakt aufnehmen können.
Sensorische und soziale Isolation.
Diese sensorische und soziale Isolation tut uns nicht gut. Vor allem dann nicht, wenn wir ihr über längere Zeiträume unfreiwillig ausgesetzt sind. Sie kann langfristig dazu führen, dass wir uns von unserer Umwelt zunehmend isoliert fühlen. Eine bauliche Gestaltung, die diese Zustände fördert, sollten wir daher unbedingt vermeiden.
Im Wohnbau werden solche vom Umfeld isolierenden Gebäudehüllen zum Glück kaum umgesetzt.
Ich möchte anhand meines Reisebeispiels aber noch ein anderer Aspekt betonen: die Möglichkeit der autonomen Regulation.
Autonome Regulation ermöglichen.
Ein Aspekt von Wohnzufriedenheit besteht nämlich auch darin, im eigenen Kernlebensraum die Regulation grundlegender Funktionen selbst vornehmen zu können. Zum Beispiel, um den eigenen Komfort sicherzustellen.
Ist das nicht möglich, können langfristig Gefühle von Ohnmacht gefördert oder verstärkt werden, worunter das Empfinden für die eigene Selbstwirksamkeit leidet. Und zwar auch dann, wenn nach objektiven Kriterien durch die zentrale Steuerung ein hohes Maß an Komfort sichergestellt ist.
Bewohner*innen sind dann unter Umständen besonders geneigt, wegen jeder Kleinigkeit auf eine höhere Instanz – zum Beispiel die Hausverwaltung – zurückzugreifen, um schon kleine Probleme oder Unannehmlichkeiten geregelt zu bekommen.
Und das möchten wir, wenn geht, unbedingt vermeiden, oder?
Es macht daher auch Sinn, bei so mancher Haustechnikausstattung zu überlegen, ob eine zentrale Steuerung wirklich sinnvoll und notwendig ist.
Das Bedürfnis der Bewohner*innen nach individueller und autonomer Regulation sollte dabei jedenfalls nicht unterschätzt werden.
Ich hatte das Glück, nach einer Woche mein bunkerartiges Hotelzimmergefühl hinter mir lassen zu können. Sehr glücklich und zufrieden, mit dem Wissen, meine Fenster zu Hause nach Belieben öffnen und schließen zu können.
Seither schätze ich es umso mehr, meiner Nachbarin, die morgens mit Ihrem Hund vorbei geht, spontan einen Gruß zurufen zu können.
Wohnzufriedenheit kann manchmal so einfach sein.
Mit herzlichen Grüßen,
Andrea Eggenbauer
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