Life in Architecture  von Andrea Eggenbauer

Life in Architecture  von Andrea Eggenbauer

Stiegenhaus x Wohnzufriedenheit – das unterschätzte Doppel

Architektur & Sinne, Familie & Nachbarschaft, Sicherheit & Sicherheitsempfinden

Wer sich sicher fühlt, ist zufriedener mit seiner Wohnsituation.

Eine paar Gedanken zu Stiegenhäusern und deren Wirkung auf das Sicherheitsempfinden von Bewohner*innen. In zufälliger Reihenfolge.

1 Übersicht und Begegnung

Unterwegs im Stiegenhaus, ist es sehr angenehm, wenn wir rechtzeitig erkennen können, wem wir begegnen. Massive Wandscheiben zwischen den Stiegenläufen verhindern das. Jedes um die Ecke biegen birgt damit eine potentielle Überraschung, unmittelbar vor einer Person zu stehen. Das erhöht das Unsicherheitsempfinden vieler Menschen.

Je größer der Wohnbau und die hausinterne Nachbarschaft, desto anonymer können Erschließungsflächen werden. Umso wichtiger ist es daher, rechtzeitig erkennen zu können, wem wir begegnen.

In der Planung sollte man daher die Möglichkeit für eine möglichst hohe individuelle soziale Kontrolle des Raums anstreben. Das heißt: Überblick über die räumliche und soziale Situation ermöglichen. Stiegengeländer, die Durchblicke bieten, erhöhen das subjektive Sicherheitsempfinden der Bewohner*innen. Massive Wandscheiben reduzieren es.

2 Ausblicke und Einblicke

Gut positionierte Fenster ermöglichen den Benutzer*innen, nach draußen zu sehen, während sie die Treppen hinunter oder hinauf gehen. Der Wahrnehmungsraum und die Wahrnehmungsvielfalt werden dadurch erweitert. Das wiederum wirkt sich positiv auf das individuelle Sicherheitsempfinden und die Kommunikationsbereitschaft mit den Nachbarn aus, denen man im Stiegenhaus begegnet.

Zudem wirkt ein Stiegenhaus mit gut gesetzten Fenstern psychologisch offener, was ein mögliches Gefühl von Enge verringern kann.

Die durch Fenster mögliche, natürliche Belichtung trägt ebenfalls zu einer positiven Atmosphäre bei.

Einblicke von außen in das Stiegenhaus erhöhen das subjektive Sicherheitsempfinden ebenfalls. Das kann bei Erschließungsstrukturen, die auf Grund ihrer Größe einen sehr hohen Anonymitätsgrad aufweisen, besonders relevant sein.

3 Wandgestaltung und Farbwahl

Eine attraktive Oberflächengestaltung des Stiegenhauses fördert ebenfalls die Kommunikationsbereitschaft und das Sicherheitsempfinden der Bewohner*innen.

Ich meine damit nicht den aufwändig geschalten Sichtbeton. Dieser wird von den meisten Menschen als unattraktiv wahrgenommen.

Ich meine eine Gestaltung, die eine dezente Farbigkeit und Komplexität aufweist. Solche Gestaltungen sind positive Nahrung für unsere Sinne und wirken dadurch anregend und zugleich entspannend auf unser Gehirn.

Langfristige positive Wirkung auf das Zusammenleben.

Erschließungsstrukturen – hier im speziellen Stiegenhäuser – und deren Gestaltung werden aus Kostengründen häufig auf das notwendige Minimum reduziert. Dabei wird ihre langfristige Wirkung auf das Verhalten und die Kommunikation der Bewohner*innen unterschätzt.

Durch die Schaffung einer für die Bewohner*innen attraktiven Erschließungsstruktur erhöht sich deren subjektives Sicherheitsempfinden und damit auch die Nutzungswahrscheinlichkeit des Stiegenhauses.

Je mehr Menschen die Treppen statt den Aufzug nehmen, desto wahrscheinlicher wird auch eine alltägliche Begegnung der Nachbarn untereinander. Denn der Aufzug reduziert die Begegnungsmöglichkeiten im Alltag.

Die hier genannten Gestaltungsempfehlungen reduzieren auch die Wahrscheinlichkeit von Incivilities im Stiegenhaus, also die Wahrscheinlichkeit von mutwilligen Verschmutzungen, Wandkritzeleien und dergleichen.

Im Umkehrschluss ist das Entstehen von Incivilities in unübersichtlichen, fensterlosen und unattraktiven Stiegenhäusern wahrscheinlicher, was das subjektive Sicherheitsempfinden zusätzlich negativ beeinflusst.

Ein wichtiger Aspekt ist auch, dass jüngere Kinder, die den Aufzug nicht alleine nutzen dürfen, ein für sie bedrohlich wirkendes Stiegenhaus nicht alleine nutzen wollen. Das schränkt ihre Bewegungsfreiheit und Autonomie im Wohnumfeld ein. Sie sind auf ältere Personen angewiesen, um angstfrei zum Spielplatz zu gelangen. Wenn es dafür weder Zeit noch Verständnis gibt, fällt das Spiel im Hof einfach aus…

Ein gut gestaltetes Stiegenhaus trägt zu mehr Zufriedenheit aller Beteiligten bei – von der Hausverwaltung bis zu den Bewohner*innen – ob groß oder klein.

Und wer gerne zu Fuß das schöne Treppenhaus nutzt, statt in den Aufzug zu steigen, tut auch etwas für seine Fitness.

Vielleicht auch ein schöner Gedanke, durch eine gelungene Erschließungsstruktur die Gesundheit der Bewohner*innen zu unterstützen. 😉

Herzliche Grüße,
Andrea Eggenbauer

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Über Andrea Eggenbauer

Gründerin und Geschäfts­führerin von Life in Architecture e.U.

Diplomingenieurin für Architektur, Stadtplanerin und Konsulentin für Humane Nachhaltigkeit in Wohnbau und Quartiersentwicklung.

Die gebürtige Wienerin unterstützt Unternehmen bei der Umsetzung human nachhaltiger Wohnbauten mit hoher Wohnqualität.

Andrea Eggenbauer hat mehr als 20 Jahre in verschiedenen Positionen und Auf­ga­ben­gebieten in der Architektur­planung und der Stadt­teil­planung gearbeitet. Sie kennt die Schwierigkeit der Übersetzung von Architektur­planung und stä­dte­bau­lichen Konzepten in für Menschen ent­scheidende Qualitäten wie Sicherheit, Erholung, Gemeinschaft und Iden­ti­fi­ka­tion.

Dementsprechend liegt ihr Fokus heute auf genau dieser wichtigen Übersetzungsarbeit, damit das Engagement aller Beteiligten auch tatsächlich bei den Menschen ankommt und wirksam werden kann.

 

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