Life in Architecture  von Andrea Eggenbauer

Life in Architecture  von Andrea Eggenbauer

Die Sache mit den Balkonen.

Erholung & Entspannung, Architektur & Sinne

Da wurde am Architekturkonzept bis ins Detail gefeilt. Es wurden tagelang gestalterische Fragen diskutiert und dann DAS.

Das Gebäude steht. Und die gerade frisch eingezogenen Bewohner*innen haben doch glatt nichts für die Ästhetik ihres neuen Zuhauses übrig.

Es dauert nur ein paar Wochen und schon schlängeln sich die ersten Sichtschutzplanen aus dem Baumarkt durch die feinen Stabgeländer der Balkone – mal mehr, mal weniger gekonnt.

Bei der naturnahen Fraktion nebenan wachsen die Schilfmatten in die Höhe.

Manche Planer*innen ärgern sich. Die Gelassenen unter ihnen nehmen es hin. Sie sehen ein Gebäude als das, was es schlussendlich ist: ein Rahmen für das Leben. Eine Spielwiese im Alltag. Sie freuen sich an der Vielfalt und Lebendigkeit, die hier zum Ausdruck kommt. 😊

Hat die Hausverwaltung den Auftrag, das Gesamtkunstwerk in all seiner unbelebten Pracht zu erhalten, reagiert sie nachvollziehbarer Weise mit Unverständnis auf den sich ausbreitenden Wildwuchs.

Warum tun die Bewohner*innen das?

Die Antwort ist einfach. Sie fühlen sich auf ihren Balkonen wie am Präsentierteller. Der Fachbegriff dafür nennt sich „Being-on-stage“-Effekt. Also sich „wie auf einer Bühne“ fühlen.

Er entsteht, wenn man sich ungewollt beobachtet fühlt.

Hier fühlen sich Menschen, die auf ihrem Balkon privat sein wollen, in Ihrem Bedürfnis nach Schutz und Kontrolle beeinträchtigt. Wobei Kontrolle so zu verstehen ist, dass man selbst kontrollieren möchte, von wem man gesehen werden kann.

Ob Sichtschutzplane, Schilfmatte und Co. zum Einsatz kommen, hängt also maßgeblich davon ob, ob man auf dem Balkon ganz grundsätzlich von anderen Menschen beobachtet werden kann.

Auch das Bedürfnis nach Privatsphäre in den Wohnräumen selbst kann bei großen Fensterflächen ein Auslöser für einen zusätzlichen Sichtschutz am Balkongeländer sein.

In manchen Fällen führt auch ein Unsicherheitsgefühl auf Grund der Höhe dazu, dass die Brüstung „dicht“ gemacht wird. In jedem Fall dient das Herstellen des Sichtschutzes der Verbesserung einer als unangenehm erlebten Situation.

Wie Balkone genutzt werden.

Der „Being-on-stage“-Effekt steht dem Bedürfnis im Weg, sich entspannen zu können. Denn dazu gehört für die meisten Menschen im privaten Freiraum auch ein gewisses Maß an Privatsphäre.

Schließlich hat kaum jemand von uns vor, von seinem Balkon aus täglich eine Rede an die Nation zu halten. Und wenn doch, dann kriegt man das mit blickdichter Brüstung vermutlich immer noch ganz gut hin.

Das Glas Aperol am Abend trinkt sich aber eindeutig besser, wenn man dabei in seinem kleinen Reich auch ein Stück Privatsphäre genießen kann.

Ansonsten würden wir ja in unsere Lieblingsbar gehen.

Oder uns an einem lauen Sommerabend auf einem netten Platz auf einer Bank niederlassen und das Treiben der Menschen rundum genießen.

Was auch ganz schön ist. Aber dabei spielt ein ganz anderes Bedürfnis eine entscheidende Rolle.

Herzliche Grüße,
Andrea Eggenbauer

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Über Andrea Eggenbauer

Gründerin und Geschäfts­führerin von Life in Architecture e.U.

Diplomingenieurin für Architektur, Stadtplanerin und Konsulentin für Humane Nachhaltigkeit in Wohnbau und Quartiersentwicklung.

Die gebürtige Wienerin unterstützt Unternehmen bei der Umsetzung human nachhaltiger Wohnbauten mit hoher Wohnqualität.

Andrea Eggenbauer hat mehr als 20 Jahre in verschiedenen Positionen und Auf­ga­ben­gebieten in der Architektur­planung und der Stadt­teil­planung gearbeitet. Sie kennt die Schwierigkeit der Übersetzung von Architektur­planung und stä­dte­bau­lichen Konzepten in für Menschen ent­scheidende Qualitäten wie Sicherheit, Erholung, Gemeinschaft und Iden­ti­fi­ka­tion.

Dementsprechend liegt ihr Fokus heute auf genau dieser wichtigen Übersetzungsarbeit, damit das Engagement aller Beteiligten auch tatsächlich bei den Menschen ankommt und wirksam werden kann.

 

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