Was macht man, damit sich 800+ Kinder in einem modernen Bildungscampus nicht verloren fühlen?
Man gliedert ihn räumlich. Logisch.
In Wien werden in den neuen, großen Bildungseinrichtungen sogenannte Lernbereiche geschaffen. Jeder dieser Lernbereiche besteht aus 4-6 Bildungsräumen, welche um eine zentrale multifunktionale Zone mit Nebenräumen gruppiert sind.
Man schafft damit kleine Einheiten im großen Ganzen, die den Raum strukturieren und den Kindern ein räumliches und soziales Umfeld bieten, das Vertrautheit und Geborgenheit ermöglicht.
Dieses Prinzip lässt sich auch im Wohnbau anwenden.
Die Schaffung von kleinen, übersichtlichen Nachbarschaften reduziert unerwünschte Anonymität und erhöht den Vertrautheitsgrad – und damit die Entstehung einer Gemeinschaft.
Regeln des Zusammenlebens aushandeln.
Man kennt die Nachbarn eher beim Namen. Man weiß eher, wer „zum Haus gehört“ – und wer vielleicht nur zu Besuch ist. Die Anonymität ist also meist geringer, als in großvolumigen Wohnanlagen mit weitläufigen Erschließungsstrukturen.
Einer kleineren Gruppe von Menschen ist es auch leichter möglich, gemeinsam soziale Normen und Regeln zu verhandeln und deren Einhaltung im Alltag zu gewährleisten. Das Verhalten im Müllraum ist oft ein solches Aushandlungsfeld.
All das trägt dazu bei, dass Menschen in kleineren Wohnhäusern bzw. Wohnanlagen tendenziell eher bereit sind, Verantwortung für die Hausgemeinschaft und das eigene Wohnumfeld zu übernehmen.
Diese Bereitschaft zeigt sich unter anderem in der Aufmerksamkeit gegenüber wohnanlagenfremden Personen und in der Hilfsbereitschaft untereinander.
Richtwerte.
Die Stadt Wien empfiehlt in ihrem Planungshandbuch GenderMainstraming (Werkstattbericht Nr. 130) max. 30 bis 40 Wohneinheiten pro Erschließungsstruktur zu bündeln, um Anonymität zu verhindern und die Nachbarschaftsbildung zu unterstützen.
Reicht es also, einfach kleinere Wohnbaustrukturen zu errichten, und schon läufts?
Nicht ganz. Mit der Schaffung kleiner Struktureinheiten ist schon sehr viel gewonnen. Dies bestätigen auch immer wieder persönliche Gespräche mit Hausverwalter*innen, die mir von Erfahrungen mit ihrem Wohnbaubestand berichten.
Orte der Begegnung sorgfältig gestalten.
Was aber ergänzend wichtig ist, sind attraktive Orte des Alltags, an denen sich die Nachbarschaft regelmäßig begegnen kann. Orte, die nicht nur funktional sind, sondern auch Raum und Angebot bieten, um länger zu verweilen.
Ein Eingangsbereich, der großzügig gestaltet ist. Eine bequeme Bank neben den Postkästen. Eine ansprechende Gestaltung und gute Beleuchtung.
Der schmale, kahle Hauseingang, der direkt zum Lift führt, kann auch eine übersichtliche Anzahl an Mitbewohner*innen kaum zur Kommunikation anregen. Er bietet oft nicht einmal Platz für ein angemessenes Ausweichmanöver.
Auch hier kann sich der Wohnbau Anregungen vom Schulbau holen. Im Schulbau sind Eingangsbereiche heute ganz selbstverständlich mehr als reine Durchgangsräume. Sie sind Orte der täglichen Begegnung und der Gemeinschaft. Der Wohnbau hinkt da oft etwas hinterher.
Zusammenfassend lässt sich sagen: kleine, überschaubare Nachbarschaften unterstützen das Sicherheitsempfinden und fördern den Vertrautheitsgrad der Bewohner*innen untereinander. Das trägt wesentlich zur Wohnzufriedenheit bei. Die Qualitäten kleiner Strukturen werden vor allem aber dann besonders wirksam, wenn sie auch ausreichenden und attraktiven Raum für Begegnung und Austausch im Alltag bieten. Dafür braucht es nicht viel – oft nur ein einladendes Foyer.
Herzliche Grüße,
Andrea Eggenbauer
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